Maximilian Veit, euer Unternehmen ist weltweit mit rund 20 Standorten vertreten. Im vergangenen Jahr kam eine deutliche Erweiterung der Produktionsstandorte in USA, Mexiko und Kroatien hinzu. Parallel dazu habt ihr in den Hauptsitz in Rapperswil investiert. Weshalb bleibt ein global tätiges Unternehmen wie Weidmann seinem Hauptsitz im Kanton St.Gallen treu?
Maximilian Veit: Rapperswil ist für Weidmann mehr als ein Standort. Hier liegen die Wurzeln unseres fast 150-jährigen Familienunternehmens, und von hier aus haben wir uns über Jahrzehnte international entwickelt. Diese Herkunft ist Teil unserer Identität, aber nicht der einzige Grund, weshalb wir bewusst in den Hauptsitz investieren. Entscheidend ist das Umfeld: gut ausgebildete Fachkräfte, eine starke industrielle Basis, die Nähe zu Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie ein Ökosystem, das Automatisierung, Digitalisierung und industrielle Innovation aktiv vorantreibt. Wir investieren in Rapperswil nicht aus Nostalgie, sondern weil wir hier Kompetenzen aufbauen und weiterentwickeln können, die für die Zukunft unseres Unternehmens zentral sind.
«Wir profitieren von gut ausgebildeten Fachkräften, einer starken industriellen Basis, der Nähe zu Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie einem Ökosystem, das Automatisierung, Digitalisierung und industrielle Innovation vorantreibt.»
Was waren die entscheidenden Faktoren für den Erfolg in den vergangenen Jahrzehnten?
Das Wichtigste war die Fähigkeit, sich rechtzeitig zu verändern. Ein Unternehmen mit einer so langen Geschichte kann nur existieren, wenn es nicht am Bestehenden festhält, sondern früh erkennt, was für die Zukunft relevant wird. Für Weidmann bedeutete das über Generationen hinweg, Märkte, Technologien und Kundenbedürfnisse aufmerksam zu beobachten und das eigene Geschäftsmodell entsprechend weiterzuentwickeln.
Welche Rolle spielte der Standort Schweiz dabei?
Die Schweiz spielte eine wichtige Rolle. Sie bietet ein Umfeld, in dem Qualität, Präzision, Verlässlichkeit und Innovationskraft einen hohen Stellenwert haben. Ebenso wichtig ist die Bereitschaft, Veränderungen gemeinsam zu tragen. Gerade an einem Standort wie Rapperswil lassen sich anspruchsvolle industrielle Transformationen zusammen mit Mitarbeitenden, Partnern und Forschungseinrichtungen vorantreiben. Diese Verbindung aus Stabilität und Erneuerungsfähigkeit ist ein wesentlicher Teil unseres Erfolgs.
500+
Millionen Umsatz verzeichnet Weidmann im Jahr
Welche Funktionen sind bewusst in Rapperswil angesiedelt?
Am Hauptsitz haben wir vor allem Bereiche, die viel technisches Prozessverständnis, Erfahrung und interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordern. Dazu gehören Forschung und Entwicklung, Engineering sowie die Weiterentwicklung komplexer Produktionsprozesse. In diesen Bereichen ist der direkte Austausch zwischen den Fachrichtungen besonders wichtig. Rapperswil bietet dafür ein sehr gutes Umfeld. Hier können wir zentrale Kompetenzen zusammenführen, Know-how weiterentwickeln und neue Lösungen direkt in die industrielle Praxis überführen.
Gibt es strategische Entscheidungen, die zwingend am Hauptsitz getroffen werden müssen?
Unsere Strategie folgt einer klaren Logik: Wir wollen nahe bei unseren Kunden sein und unsere Regionen so stärken, dass sie möglichst eigenständig agieren können. Gerade in einem globalen Umfeld ist eine solche Region-for-Region-Logik wichtig, weil sich Märkte, Lieferketten und Kundenanforderungen regional unterscheiden. Gleichzeitig braucht es einen zentralen Ort, an dem die übergeordneten Chancen und Risiken bewertet werden. Dazu gehören Fragen der Kapitalallokation, der langfristigen Marktpositionierung, der technologischen Ausrichtung sowie der Balance zwischen den Regionen und Geschäftsbereichen. Diese Entscheidungen müssen am Hauptsitz zusammengeführt werden, weil sie das Gesamtunternehmen betreffen. Dort werden die Gesamtperspektive sichergestellt und die strategischen Prioritäten festgelegt.
«Rapperswil ist heute Teil des europäischen Produktionsnetzwerks und gleichzeitig ein Ort, an dem Zukunftsthemen vorangetrieben werden.»
Hat sich die Rolle des Schweizer Headquarters mit zunehmender Internationalisierung verändert?
Früher war die Schweiz stärker eine zentrale Produktionsstätte, von der aus in die Welt exportiert wurde. Heute ist Weidmann ein globales Unternehmen mit einem internationalen Produktionsnetzwerk, in dem die Regionen deutlich mehr operative Verantwortung tragen. Damit hat sich auch die Rolle des Hauptsitzes verändert. Rapperswil ist heute Teil des europäischen Produktionsnetzwerks und gleichzeitig ein Ort, an dem Zukunftsthemen vorangetrieben werden. Der Hauptsitz entwickelt sich zunehmend vom Exportzentrum zu einem Kompetenz- und Impulszentrum für das gesamte Unternehmen.
In Rapperswil wurde der Med-Tech-Bereich ausgebaut. Weshalb setzt du gerade in diesem Geschäftsfeld weiterhin auf die Schweiz als Produktionsstandort?
Im Med-Tech-Bereich sind Präzision, Prozesssicherheit und technisches Know-how besonders wichtig. Die Schweiz bietet dafür mit gut ausgebildeten Fachkräften, spezialisierten Partnern und der Nähe zu Kunden gute Voraussetzungen. Entscheidend ist dabei nicht allein der Kostenvergleich, sondern die Fähigkeit, hohe Qualität mit effizienten Prozessen und Innovation zu verbinden. Deshalb investieren wir weiterhin gezielt in Rapperswil und übertragen die hier entwickelten Kompetenzen und Prozesse auch auf andere Standorte, etwa unser Werk in Mexiko.
5+
Millionen Produkte werden jährlich an Kunden versendet
Welche Bedeutung haben regionale Netzwerke, Branchencluster und Industriepartner für Weidmann, und welchen Beitrag leistet euer Unternehmen umgekehrt für die Region?
Regionale Netzwerke sind für uns ein wichtiger Standortfaktor. Gerade in hochtechnologischen Nischen entsteht Fortschritt oft nicht isoliert, sondern durch Zusammenarbeit zwischen Industrieunternehmen, Hochschulen, Forschungspartnern und spezialisierten Dienstleistern. Die Ostschweiz hat hier grosses Potenzial, das aus meiner Sicht noch stärker genutzt werden kann. Weidmann engagiert sich deshalb aktiv in solchen Netzwerken, unter anderem in gemeinsamen Innovationsprojekten mit der OST – Ostschweizer Fachhochschule oder mit anderen Industrieunternehmen. Umgekehrt möchten wir als international tätiges Unternehmen auch einen Beitrag zur Region leisten, indem wir anspruchsvolle Arbeitsplätze schaffen, industrielle Kompetenzen weiterentwickeln und internationale Erfahrungen in lokale Kooperationen einbringen. Diese Vernetzung ist ein Weg, gemeinsam schneller zu lernen und wettbewerbsfähiger zu werden.
Internationale Kundschaft verbindet mit einem Unternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz oft bestimmte Erwartungen. Welche Werte oder Eigenschaften werden deiner Erfahrung nach besonders geschätzt?
Zuverlässigkeit, Qualität und technologische Kompetenz stehen klar im Vordergrund. Diese Erwartungen sind anspruchsvoll, passen aber gut zu unserem Selbstverständnis. Für Weidmann heisst das, Produkte und Prozesse so zu gestalten, dass sie langfristig einwandfrei funktionieren. Ebenso wichtig sind beständige Geschäftsbeziehungen. Unsere Kunden erwarten, dass wir Zusagen einhalten, Qualität sicherstellen und auch in anspruchsvollen Situationen ein verlässlicher Partner sind. Das gilt besonders für die kritischen Industrien Energieversorgung und Medizintechnik, in denen wir tätig sind und Versorgungssicherheit sowie technische Stabilität von grosser Bedeutung sind.
«Hier treffen hochspezialisierte Unternehmen auf Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen und Innovationspartner. Die kurzen Wege und das gemeinsame technische Verständnis erleichtern es, Lösungen zu entwickeln.»
Gibt es Standortvorteile der Schweiz oder St.Gallens, die im Ausland häufig unterschätzt werden?
Was die Schweiz und insbesondere die Ostschweiz auszeichnet, ist die unkomplizierte Zusammenarbeit. Hier treffen hochspezialisierte Unternehmen auf Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen und praxisnahe Innovationspartner. Die kurzen Wege und das gemeinsame technische Verständnis erleichtern es, konkrete Lösungen zu entwickeln. In anderen Regionen ist diese Vernetzung oft weniger selbstverständlich oder stärker formalisiert. In der Schweiz lässt sich sehr pragmatisch und lösungsorientiert zusammenarbeiten. Gerade wenn neue Technologien rasch in die industrielle Anwendung überführt werden sollen, ist das ein grosser Vorteil.
Wo siehst du die grössten Chancen für den Wirtschaftsstandort St.Gallen in den nächsten zehn Jahren?
Die grösste Chance liegt in der konsequenten Weiterentwicklung der starken Industrie der Region. Schweizer Unternehmen sind es aufgrund der höheren Kosten gewohnt, effizient und technologisch anspruchsvoll zu arbeiten. Diese Ausgangslage kann in den kommenden Jahren ein Vorteil sein. Automatisierung, Digitalisierung und künstliche Intelligenz bieten grosses Potenzial. Entscheidend wird aber nicht nur der Zugang zu neuen Technologien sein, sondern wie schnell und pragmatisch sie im industriellen Alltag eingesetzt werden. Hier liegt für St.Gallen eine grosse Chance, wenn Unternehmen, Hochschulen und öffentliche Institutionen noch stärker zusammenarbeiten. Weidmann möchte dazu beitragen, indem wir in Produktivität und Innovation investieren und unser Wissen aktiv in regionale Kooperationen einbringen.
1877 gegründet, ist die Weidmann Group immer noch in Familienhänden. Erfahre im Video mehr über die Unternehmensgeschichte.